28. Indefinita

Im Folgenden werden ein paar grundsätzliche Kriterien erläutert, durch die sich die verschiedenen Indefinita unterscheiden. Diese Kriterien spielen in jeder Sprache eine Rolle und erleichtern das Verständnis der dann folgenden Kapitel.

Der Begriff Indefinita, unbestimmte Fürworter, ist so nichtssagend, bzw. falsch, wie viele Begriffe, die aus dem Lateinischen übernommen wurden. Aus linguistischer Sicht ist Latein ein echtes Krebsgeschwür, weil viele der aus dem Latein abgeleiteten Begriffe den Zugang zur real existierenden Wirklichkeit versperren. Der Begriff Indefinita, den dann irgendein Hirntoter im fortgeschrittenem Stadium einfach ins Deutsche übersetzt hat, suggeriert, dass irgendetwas unbestimmt ist. Das ist eigentlich nie der Fall. Indefinita sind zum Beispiel jeder, irgendwer, niemand, alle, was aber daran jetzt aber unbestimmt sein soll, erschließt sich niemandem.

1) Jeder kann das machen, das ist nicht schwierig.
2) Irgendwer wird das schon machen können.
3) Niemand kann das machen.
4) Alle können das machen.


Bei 1), 3) und 4) ist die Gruppe, die das machen kann, äußerst präzise bestimmte. 1) besagt, dass jeder Mensch, der auf der Erde wandelt, die Tätigkeit durchführen kann. Gleichermaßen präzise bestimmt ist niemand. Wenn niemand es machen kann, dann kann es eben niemand machen. Unbestimmt ist nur 4), also irgendwer. Bei 4) herrscht tatsächlich Unsicherheit bzgl. der Frage, wer die Tätigkeit durchführen kann. Wenn nichts im Kühlschrank ist, dann ist das auch nicht unbestimmt, sondern ganz im Gegenteil, der Tatbestand ist sehr konkret und ein echtes Problem. Wäre gähnende Leere unbestimmt, wäre es kein Problem. Gähnende Leere im Kühlschrank ist aber das exakte Gegenteil von unbestimmt. Es ist sehr konkret, die Problematik ist äußerst klar umrissen.

Indefinita können Pronomen oder Adjektive sein. Als Pronomen vertreten sie irgendwas, also Adjektive beschreiben sie das Substantiv, auf das sie sich beziehen.

a) Jeder kann das machen.
b) Irgendein Idiot hat mein Fahrrad geklaut.


Bei a) steht jeder für irgendwen. Für wen es steht, muss bekannt sein. Insofern hat es die gleiche Funktion wie die Personalpronomen ich, du, er, sie etc.. Zusätzlich macht jeder aber noch eine Aussage darüber, wer Ausführender bzw. Adressat der durch das Verb beschriebenen Handlung ist, in diesem Fall eben jeder. Bei b) wird das Substantiv näher beschrieben, bzw. es wird beschrieben, wer Ausführender bzw. Adressat der durch das Verb beschriebenen Handlung sein könnte. In diesem Falle wird konstatiert, dass jemand zwar das Fahrrad geklaut hat, unklar ist aber, wer es war.

Egal ob Pronomen oder Adjektiv, Indefinita beschreiben immer wer Adressat bzw. Ausführender der durch das Verb beschriebenen Handlung sein kann.

Jeder ist Adressat bzw. Ausführender der durch das Verb beschiebenen Handlung
Jeder gibt 10 Euro.
Ich sehen jeden.
Jeder kommt als Adressat bzw. Ausführender einer noch nicht ausgeführten Handlung in Frage
Irgendwer wird schon wissen, wie es funktioniert.
Ich werde schon irgendwen treffen.
Jeder kommt als Adressat bwz. Ausführender einer bereits ausgeführten Handlung in Frage
Irgendjemand hat mir meinen Geldbeutel gestohlen.
Ich werde irgendjemanden treffen.
Der Ausführende bzw. Adressat der der durch das Verb beschiebenen Handlung ist zwar nicht beliebig, aber unbekannt
Jemand ist an der Tür.
Ich sehe jemanden.
Ein Teil einer Gruppe kann Ausführender bzw. Adressat der durch das Verb bescrhriebenen Handlung sein
Manche können schon lesen und schreiben.
Manchen kann man es nicht recht machen.
Das Pronomen / Adjektiv verweist auf die Tatsache, dass niemand Ausführender bzw. Adressat der durch das Verb beschriebenen Handlung ist
Niemand weiß es.
Ich habe niemanden.


Indefinita sind manchmal gegeneinander substituierbar, manchmal nicht. Manche Indefinita bringen bestimmte Aspekte zum Ausdruck und passen dann besser als mögliche Alternativen. Irgendjemand bringt zwar genau so wie jemand zum Ausdruck, dass der jemand, der Ausführender oder Adressat der durch das Verb beschriebenen Handlung sein kann unbekannt ist, aber irgendjemand betont die Willkürlichkeit.

1) Irgendjemand ist immer unzufrieden.
2) Jemand ist immer unzufrieden.


Deutsch Muttersprachler hätten zwar Probleme zu erklären, warum 1) besser ist als 2), aber der Autor ist sich ziemlich sicher, dass die überwiegende Mehrheit 1) vorziehen würde. Der Grund hierfür ist, dass jemand lediglich den Aspekt Unbekanntheit beinhaltet, nicht aber den Aspekt Beliebigkeit bzw. Willkürlichkeit, auf den es hier aber wesentlich ankommt.

Der Punkt ist nicht, dass derjenige, der unzufrieden sein wird unbekannt ist, sondern die Tatsache, dass es ein x-beliebiges Element einer Gruppe sein kann. Umgekehrt umgekehrt. Ist lediglich der Aspekt Unbekanntheit relevant, dann werden deutsch Muttersprachler jemand den Vorzug geben.

1) Jemand ist am Telefon.
2 ) Irgendjemand ist am Telefon.


Der Aspekt, dass ein x-beliebiges Element einer Gruppe Ausführender bzw. Adressat der Handlung sein kann ist hier irrelevant, denn es gibt gar keine Gruppe. Nur eine Person ist am anderen Ende der Leitung. Diese Person ist aber unbekannt und das bringt jemand zum Ausdruck. Kann derjenige, der am anderen Ende der Leitung sitzt mithören, würden Deutsche auch nicht mit den Worten "Irgendjemand will dich sprechen" den Angerufenen ans Telefon holen, denn das wäre eine Beleidigung. Niemand will hören, dass er ein x-Beliebiger ohne besondere Relevanz ist.

Indefinita haben in der Regel einen Schwerpunkt, betonen, dass jeder EINZELNE Adressat oder Ausführender einer Handlung IST, dass jeder EINZELNE Adressat oder Ausführender einer Handlung sein KÖNNTE, betonen, dass der Ausführende bzw. der Adressat der durch das Verb beschriebenen Handlungen unbekannt ist oder dass jeder x-beliebige Adressat oder Ausführender einer Handlung sein kann. Diese Aspekte sind manchmal irrelevant, weil der Kontext eine alternative Interpretation nicht zulässt. In diesem Fall kann ein Indefinita durch ein anderes ersetzt werden. Manchmal jedoch sind die Aspekte bedeutsam und eine Substitution ist nicht möglich. Betrachten wir folgende Sätze.

1) Er hat allen 100 Euro gegeben.
2) Er hat jedem 100 Euro gegeben.


Deutsch Muttersprachler würden in der Regel beide Sätze so interpretieren, dass jeder EINZELNE 100 Euro erhalten hat. Sind es also 10 Leute, dann wurden 1000 Euro ausgetütet. Tatsächlich könnte man aber 1) auch anders interpretieren. Denkbar ist auch, dass er allen zusammen 100 Euro gegeben hat, also 10 Euro jedem. 2) ist eindeutiger. Alle bezieht sich auf die Gruppe als ganzes, jeder betont die Singularität.

Alle Menschen sind sterblich.
Jeder Mensch ist sterblich.


Zumindest die Sprachen, die der Autor kennt, haben für alle bzw. jeder ein eigenes Wort und der berühmte Roman von Simone de Beauvoir wird immer mit "Alle Menschen sind sterblich" übersetzt und nicht mit "Jeder Mensch ist sterblich". Logisch gesehen läuft das zwar auf dasselbe hinaus, aber gemeint ist eben, dass Menschen irgendwann mal sich die Radieschen von unten anschauen. Anders verhält es sich bei dem Roman von Hans Fallada.

Jeder stirbt für sich allein.

Hier soll betont werden, dass eben jeder für sich allein stirbt. Die wenigen Beispiele sollen illustrieren, dass das System der Indefinita komplexer ist, als man erstmal vermutet. Die meisten Indefinita sind aber unkompliziert, soll heißen, es gibt eine eindeutige deutsche Entsprechung.

Einige Indefinita wie alguém (jemand), ninguém (niemand), outrem (jemand anderes), tudo (alles), nada (nichts) , algo (etwas), cada (jeder) sind invariabel, was sich teilweise aber aus der Natur der Sache ergibt.

Wenn niemand Adressat bzw. Ausführender einer Handlung ist, dann ist weder eine Frau noch Frauen, weder ein Mann noch Männer Ausführender oder Adressat der Handlung. Ein niemand mit Genus und Numerus ist eher was für Philosophen. Ein Geschlecht könnte der niemand nur haben, wenn nicht die Nicht-Existenz gemeint ist, sondern die nicht-vorhandene Individualität bzw. Bedeutungslosigkeit. "Er / Sie ist ein niemand". Beim jemand ist das graduell. Steht jemand unbekanntes vor der Tür, dann hat er ein Geschlecht, man könnte dann auch uma mulher, eine Frau, bzw. um homem, ein Mann sagen. Wenn aber jemand an der Tür klopft, dann hat der jemand erstmal weder Genus noch Numerus. Bei diesen zwei Indefinita passt sogar der Namen, sie sind tatsächlich unbestimmt. Das komplette System der Indefinita sieht dann so aus.

VariáveisInvariáveis
SingularPlural
Masculino Feminino MasculinoFeminino
algum
nenhum
todo
muito
pouco
vário
tanto
outro
quanto

alguma
nenhuma
toda
muita
pouca
vária
tanta
outra
quanta

alguns
nenhuns
todos
muitos
poucos
vários
tantos
outros
quantos

algumas
nenhumas
todas
muitas
poucas
várias
tantas
outras
quantas

alguém
ninguém
outrem
tudo
nada
algo
cada

qualquerqualquer quaisquer

qualquer





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