12.1 Die Bildung des deutschen Konjunktivs

Wir haben oben gesehen, siehe Einführung zu diesem Kapitel, dass auch das Deutsche den Konjunktiv verwendet, wenn eine subjektive Sicht auf die Welt ausgedrückt werden soll, die Welt also subjektiv bewertet wird, weil etwas gewünscht, erhofft befürchtet, irreal ist etc.. Allerdings lediglich, wenn das einführende Verb in der Vergangenheit steht. Nimmt man es ganz genau, ist es aber nicht die deutsche Sprache an sich, die irgendwas ausdrückt. Es ist schlicht so, dass sich auch im Deutschen, weniger kohärent als in den romanischen Sprachen, Strukturen gebildet haben, die der Art, wie sich das Gehirn die verbale Darstellung der Welt vorstellt, entsprechen.

Sprachwissenschaftler, an dem Determinatum dieses Komposita, dem Wissenschaftler, kann man zweifeln, geben sich immer reichlich Mühe, die Sprachentwicklung zu erklären und abstrahieren hierbei vollkommen von der Frage, was diese Entwicklung treibt, was ein Fehler ist, denn eine Entwicklung der sprachlichen Möglichkeiten kann nur stattfinden, wenn dieser Entwicklung etwas strukturell entspricht. Ohne eine treibende Kraft, gibt es keine Entwicklung und die Frage ist, was die treibende Kraft in der Sprachentwicklung ist. Die Beschäftigung mit Sprache wird sinnfrei, wenn man vom Subjekt, welches diese produziert, vollständig abstrahiert. Man kommt dann auf die Idee, dass sich Sprachen sozusagen von alleine entwickeln. Das tun sie nicht. Sie passen sich an ein vorgegebenes Schema bestmöglich an.

Der deutsche Konjunktiv allerdings ist eher ein Beispiel für nicht gelungene Anpassung. Das Chaos ist eigentlich komplett. Bei den meisten Deutsch Muttersprachlern gehen alle vier in nachstehender Tabelle gelisteten Varianten als richtig durch, obwohl nach der Standardgrammatik nur eine richtig ist.

Konjunktiv Präsens (Konjunktiv I der Gegenwart): Er sagt, er sei in der Schule.
Konjunktiv Imperfekt (Konjunktiv II der Gegenwart): Er sagt, er wäre in der Schule.
Konditional: Er sagt, er würde in der Schule sein.
Indikativ Präsens: Er sagt, er ist in der Schule.


"Richtig", nach der Standargrammatik, ist nur 'Er sagt, er sei in der Schule'. Wie es zu dem Chaos gekommen ist, ist relativ klar. Es gibt hier ein Regelwerk, dass aber niemanden interessiert, weil es zu kompliziert ist, denn das morphologische Material lässt keine kohärente Systematik zu.

Transformation direkte Rede in indirekte Rede
Beispiel 1: Er sagt: "Wir lesen ein Buch."
Beispiel 2: Er sagt: " Sie rauchen zuviel."
Wiedergabe der Handlung im Konjunktiv Präsens
Beispiel 1: indirekte Rede mit Konjunktiv Präsens: Er sagt, wir lesen ein Buch.
Beispiel 2: indirekte Rede mit Konjunktiv Präsens: Er sagt, sie rauchen zuviel.
Da es also keinen Konjunktiv Präsens gibt, soll man nach der Standargrammatik den Konjunktiv Imperfekt nehmen.
Beispiel 1: indirekte Rede mit Konjunktiv Imperfekt: Er sagt, wir läsen ein Buch.
Beispiel 2: indirekte Rede mit Konjunktiv Präsens: Er sagt, sie rauchten zuviel.
Läsen klingt albern, so dass auf die Form würde + Infinitiv zurückgegriffen wird. Rauchten wiederum ist identisch mit dem Imperfekt, so dass auch hier auf würde + Infinitiv zurückgegriffen wird.
Beispiel 1: indirekte Rede mit würde: Er sagt, wir wir würden ein Buch lesen.
Beispiel 2: indirekte Rede mit würde: Er sagt, sie würden zuviel rauchen.


Je nach Verbform kann also nach der Standardgrammatik der Konjunktiv Präsens, der Konjunktiv Imperfekt oder würde + infinitiv stehen. Da je nach Verb das eine oder andere möglich ist, gibt es die Tendenz, bei allen Verben willkürlich irgendeine dieser Formen zu wählen bzw. gleich den Indikativ. Dem Deutschen fehlt schlicht das morphologische Material, um das System der romanischen Sprachen umzusetzen. Wenn der Konjunktiv Präsens, der eigentlich Gleichzeitigkeit in der Gegenwart ausdrückt, auch die Form des Konjunktivs Imperfekt annehmen kann, der eigentlich Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit ausdrückt, bzw. sogar zu würde + Infinitiv mutieren kann, was ja eigentlich Futur aus der Sicht der Vergangenheit ausdrückt, dann ist das System kollabiert.

Ich hoffte, dass sie sich wüschen.
Ich hoffte, dass sie sich waschen würden.
Ich hoffte, dass sie sich waschen.

Ein einfaches Regelwerk wie im Portugiesischen vom Typ "steht das Verb der mentalen Durchdringung im Imperfekt und verlangt den Konjunktiv und ist die imaginierte Handlung gleichzeitig zum Moment der mentalen Durchdringung ist das imperfeito de conjuntivo zu benutzen" ist nicht mehr möglich, weil gar nicht klar ist, welche Form ein Konjunktiv überhaupt annimmt.

In allen romanischen Sprachen ist die Bildung des congiuntivo eindeutig und die Funktion der verschiedenen Zeiten, sowohl im indicativo wie im congiuntivo eindeutig determiniert. Im Deutschen konnte sich also ein in sich logisches schlüssiges System nie entwickeln, weil die Formenbildung schwankt.


Es ist aber nicht so, dass die Deutsch sprechenden Subjekte die Welt prinzipiell anders verbalisieren wollen. Das heißt schlicht, dass es nicht geht. Zwei Sprachen als zwei unterschiedliche Systeme mit einer arbiträren Logik darzustellen, würde bedeuten, dass die Fremdsprache nur als abstraktes Regelwerk erlernt werden kann, das Regelwerk aber keine "innere Notwendigkeit" hat, also nicht Ausdruck von etwas ist, sondern vollkommen willkürlich gesetzt ist, der Deutsch Muttesprachler also nicht "nachfühlen" kann, wie sich eine falsche Verwendung der Zeiten oder des Konjunktivs für den Muttersprachler z.B. Portugiesisch anhört.

Das ist linguistisch gesehen Blödsinn und didaktisch unsinnig. Wir haben oben gezeigt, dass das Deutsche durchaus die subjektive Bewertung der Welt oder Vorzeitigkeit, Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit ausdrücken will, das System aber Brüche hat. Anstatt eine Regelorgie auswendig zu lernen, macht man sich besser mal klar, was das Deutsche realisieren will. Das gelingt meistens, wenn man zuspitzt, also Situationen wählt, wo auch da Deutsche differenziert. Der hier verfolgte Ansatz mag auf den ersten Blick anstrengender sein, man muss wohl mal zwei Stunden investieren. Da aber alle Sprachen dieser Welt mit dieser grundsätzlichen Problematik konfrontiert sind, lohnt sich das.


Die Systematik der romanischen Sprachen, des Englischen und wohl der meisten Sprachen erschließt sich dann ohne weiteres. Dafür braucht man keine abstrakten Regeln auswendig lernen. Sätze vom Typ "im Englischen ist das so und so, im Spanischen so und so, im Französischen so und so" sind unsinnig. Die spannende Frage ist, ob sich das Subjekt hinter der Sprache unterscheidet und da dürften die Unterschiede geringer sein, als man gemeinhin animmt.





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