15. Modalverben

Modalverben haben wir schon einige 100 Mal benutzt, in der Regel reicht eine didaktisch motivierte Hilfsübersetzung, um den Sinn eines Modalverbes zu erschließen. Die Systematik der Modalverben ist in allen romanischen Sprachen gleich, weicht aber von der deutschen Systematik ab. Es gibt Differenzierungen, die im Portugiesischen vorgenommen werden, aber nicht im Deutschen und umgekehrt gibt es Differenzierungen, die im Deutschen vorgenommen werden, aber nicht im Portugiesischen. Teilweise treffen beide Sprachen dieselben Unterscheidungen und der Muttersprachler beherrscht in der Sprachpraxis auch die Unterschiede, findet es aber schwierig, die Unterschiede zu erklären. Schematisch lässt es sich so darstellen.

poder können Praktisch in der Lage sein, etwas zu tun, weil nichts, vor allem keine fehlenden Fachkenntnisse, der Ausführung entgegensteht. Wer nicht einschlafen kann, kann also höchstens "Não posso dormir“ sagen, nicht aber "Não sei dormir“, weil sein Problem mit Sicherheit nichts mit mangelnder Ausbildung zu tun hat.
dürfen In der Lage sein, etwas zu tun, weil niemand es verbietet.
saberkönnen Theoretisch in der Lage sein, eine Handlung durchzuführen, weil man über die nötigen Fähigkeiten verfügt und es gelernt hat. Was nicht notwendigerweise heißt, dass man auch konkret in der Lage ist, es zu tun. Man kann z.B. durchaus theoretisch schreiben können, weil man es gelernt hat. Liegen aber beide Hände in Gips, dann kann man es praktisch gerade nicht.
quererwollen Im Deutschen sehr insistierend und im Sprachgebrauch unhöflich, im Portugiesischen neutraler.
möchten Weniger insistierend und im Sprachgebrauch gebräuchlicher. Entspricht querer im condicional.
ter quemüssen Es existiert eine Kraft, ein Naturgesetz oder eine logische Konsequenz, die ein bestimmtes Verhalten erzwingen kann, bzw. sich bestimmte Konsequenzen zwangläufig ergeben.
dever sollen Es existiert zwar keine Macht, die ein bestimmtes Verhalten erzwingen kann, zur Erreichung eines bestimmtes Zieles ist ein bestimmtes Verhalten aber opportun.
conseguirkönnen tatsächlich in der Lage sein, wie poder. Wobei conseguir im Gegensatz zu poder nicht die Nebenbedeutung von "die Erlaubnis haben" hat. Ist der Kontext unklar, bietet sich also conseguir an. Weiter steht conseguir, wenn zwar für die Durchführung der Handlung keine besondere Vorbildung erforderlich ist, aber die Durchführung dennoch schwierig ist. Im Deutschen könnte man dann mit "schaffen" konstruieren: "Hast du es geschafft, das Auto zu reparieren?"


Unterschiede ergeben sich also bei poder und saber. Saber steht im Portugiesischen, wenn etwas theoretisch getan werden kann, unabhängig von der Frage, ob subjektiv und in einer gegebenen Situation auch die Fähigkeit besteht, dies zu tun. Saber stellt darauf ab, dass man die Fähigkeit etwas zu tun erlangt hat. Saber kann also nie stehen, wenn für die Durchführung einer Handlung gar kein Lernprozess nötig ist und saber muss stehen, wenn darauf abgestellt wird, dass die Fähigkeit etwas zu tun grundsätzlich erlangt wurde.

kein Lernprozess erforderlich: Eu não posso dormir.
Ich kann nicht schlafen.
Lernprozess erforderlich: A criança ainda não sabe escrever.
Das Kind kann noch nicht schreiben.


Es dürfte klar sein, dass der Satz "Eu não sei dormir" keinen Sinn ergibt. Implizit würde damit gesagt, dass schlafen einen Lernprozess voraussetzt, was nicht zutrifft. Dieser Satz allerdings macht Sinn.

Sei dirigir um carro, mas neste momento não posso.
Ich kann Auto fahren, aber im Moment kann ich nicht.


Es ist gut möglich, dass er Auto fahren kann, also irgendwann mal eine Fahrschule besucht hat, aber sich jetzt beide Beine gebrochen hat, so dass er es eben derzeit nicht kann. Diese Unterscheidung wird im Deutschen nicht getroffen. Genauer gesagt, wenn man diese Unterscheidung treffen will, muss man im Deutschen völlig anders konstruieren. (Etwa: Ich kann schon Auto fahren, aber im Moment bin ich dazu nicht in der Lage.)

Im Gegenzug unterscheidet das Deutsche aber zwischen Erlaubnis haben, dann heißt es dürfen, und subjektiv nicht in der Lage sein, dann heißt es können, genauer gesagt, man kann im Deutschen differenzieren. Wenn er nicht "raus kann", sitzt er möglicherweise im Gefängnis, dann darf er nicht raus, oder er ist krank, dann gründet sein Unvermögen "raus zu gehen" in einem subjektiven Problem. Soll gesagt werden, dass die Berechtigung eine Handlung auszuführen nicht vorliegt, dann müsste man im Portugiesischen " não tem a permissão...", "Er hat die Erlaubnis nicht....", oder irgendetwas in der Art verwenden.

Der Unterschied zwischen deber, sollen, und müssen, ter que, ist der gleiche, wie im Deutschen, allerdings wissen die meisten Leute nur, wann das eine und wann das anderer verwendet wird, aber nicht wieso. Müssen muss (!) stehen, wenn es zu einer Handlung, einem Vorgang, einem Ereignis keine Alternative gibt. Das kann unterschiedliche Gründe haben.

Es liegt ein Naturgesetz vor
richtig: Einen Stein, den man in die Luft wirft, muss auf die Erde zurückfallen.
richtig: Uma pedra que se lança no ar, tem que recair sobre a terra.
nicht: Einen Stein, den man in die Luft wirft, soll auf die Erde zurückfallen.


Es gibt jemanden, der mit ausreichend Macht ausgestattet ist, um seinen Willen durchzusetzen
richtig: Das Finanzamt meint, dass man Steuern bezahlen muss.
richtig: A fazenda pública acha que se tem que pagar impostos.
nicht: Das Finanzamt meint, dass man Steuern bezahlen soll.


Eine Handlung ist die logische Konsequenz einer anderen Handlung
richtig: Se não se quer trabalhar, se tem que ter muito dinheiro.
richtig: Wenn man nicht arbeiten will, muss man viel Geld haben.
nicht: Wenn man nicht arbeiten will, soll man viel Geld haben.


Müssen kann auch stehen bei innerer Notwendigkeit.
Se você gosta de futebol, tem que vê-lo jogar.
Wenn dir Fußball gefällt, musst du ihn sehen.


Bei der "inneren Notwendigkeit" ist die Instanz, die das Verhalten fordert, das Subjekt selbst. Die Gründe hierfür können höchst unterschiedlich sein. In dem Satz "Das muss ich sehen", geht das Subjekt davon aus, dass es Entscheidendes verpasst, wenn es es nicht sieht. Wenn jemand eine Zigaretten Pause machen muss, dann ist das nicht in der Tatsache begründet, dass es hierzu keine Alternativen gibt.

Sollen wird verwendet, wenn es Alternativen gibt. Sollen wird verwendet, wenn es a) eine Institution gibt, die ein bestimmtes Verhalten zwar empfiehlt, aber nicht mit ausreichend Macht ausgestattet ist, um den Handlungsspielraum einzuschränken oder wenn b) ein bestimmtes Verhalten zur Erreichung eines Zieles sinnvoll ist. Zur Kategorie a) gehören auch moralische Prinzipien. Diese sollte mal einhalten, das Problem ist, dass es keine mit ausreichend Macht ausgestattete Institution gibt, die diese Einhaltung durchsetzen kann. Zur Kategorie b) gehören auch Ratschläge von dritten ("Du solltest zum Arzt gehen").

eine Institution fordert ein bestimmtes Verhalten
Ich soll es tun.
Devo fazê-lo.


ein bestimmtes Verhalten ist moralisch geboten
Ich sollte es tun. *
Deveria fazê-lo.


* Das nicht untrügliche Bauchgefühl des Autors, also das sehr trügliche, würde sagen, dass im Deutschen der Konjunktiv II etwas besser ist, als der Indikativ, wenn ein Verhalten lediglich opportun ist. Deutsch Muttersprachler würden nicht sagen, "Ich soll weniger rauchen", "Ich soll mein Auto stehen lassen, wenn ich besoffen bin" etc. sondern "Ich sollte....". Der Konjunktiv II kollidiert hier zwar mit dem Imperfekt Indikativ, aber der Kontext macht klar, was gemeint ist. Vermutlich kann aber im Portugiesischen bei moralischem Gebot und Opportunität im Hinblick auf ein Ziel sowohl der Konditional wie auch der Indikativ stehen. Je weniger aber eine Instanz erkennbar ist, die ein bestimmtes Verhalten fordert, je mehr ein Verhalten lediglich moralisch geboten oder opportun ist im Hinblick auf einen Zweck, desto eher wird der condicional verwendet.

Handlung opportun im Hinblick auf ein Ziel
richtig: Pequenas empresas deveriam fazer gestão de marca.
auch richtig: Pequenas empresas devem fazer gestão de marca.
richtig: Kleine Unternehmen sollten ihre Marke entwickeln.


Sollte ist Imperfekt Indikativ, Konjunktiv II und Konditional. Von daher ist es ein bisschen schwierig, einem isolierten Satz ohne Kontext zu entnehmen, was er überhaupt bedeuten soll.

Indikativ: Er sollte in der Schule sein.
=> Jemand hat gemeint er solle dies tun, hat er aber nicht gemacht.
Instanz will das.
Konjunktiv: Er sollte in der Schule sein.
=> Wäre opportun im Hinblick auf ein Ziel. Macht er unter Umständen.
Opportun im Hinblick auf ein Ziel
Konditional:
(De facto ist der Konjunktiv auch ein Konditional)
Er sollte in der Schule sein.
=> Es wird vermutet, dass er in der Schule ist.
Vermutung


Müssen im Indikativ hat aber nur eine Bedeutung, beschreibt die Alternativlosigkeit. Dafür hat müssen aber einen eindeutigen Konjunktiv und alle Bedeutungen des Indikativs können damit ausgeschlossen werden. Mit müssen im Konjunktiv wird eine Vermutung ausgedrückt: Er müsste in der Schule sein. Mit sollen geht es zwar auch, aber da schwingen mehr Bedeutungen mit.

Noch deutlicher wird das, wenn man sich diese beiden Sätze anschaut.

1) Er sollte um fünf Uhr hier sein.
2) Er müsste um fünf Uhr hier sein.


1) bezieht sich auf einen Zeitpunkt in der Vergangenheit. Eine Instanz, ein moralisches Gebot oder schlichte Opportunitätsüberlegungen haben sein Erscheinen um fünf Uhr empfohlen, aber offensichtlich ist er nicht aufgetaucht.

Der Charakter der Vermutung, also dass er um fünf Uhr vermutlich da war, geht völlig verloren. Will man eine Vermutung in Bezug auf die Vergangenheit ausdrücken, muss man im Deutschen völlig anders konstruieren. (z.B. Er hätte um fünf Uhr hier sein sollen.)

Im Gegenzug ist bei 2) die Grundbedeutung des Modalverbes weitgehend nicht mehr vorhanden. Deutsch Muttersprachler verstehen den Satz nicht so, dass er verpflichtet ist, um fünf Uhr zu erscheinen, also als "Er muss um fünf Uhr hier sein", sondern als eine VERMUTUNG in Bezug auf die ZUKUNFT. Bei "Er soll um fünf Uhr hier sein", bekommt sollen wieder seine Grundbedeutung, so dass eine Vermutung so nicht ausgedrückt werden kann. Die Regel gilt allerdings nur, wenn sollte zweideutig ist. Geht aus dem Kontext eindeutig hervor, was gemeint ist, kann müsste durch sollte ersetzt werden. (Er müsste es wissen. <=> Er sollte es wissen.)

Nebenbemerkung: Wie ersichtlich ist die Angelegenheit kompliziert und verwirrend, aber in allen Sprachen ähnlich und es hätte in allen Sprachen eine Möglichkeit gegeben, das Problem systematischer zu lösen, das will das Gehirn aber offensichtlich nicht. Wenn ein Problem in allen Sprachen auf dieselbe Art gelöst werden soll, dann haben wir es wohl mit etwas zu tun, das fest einprogrammiert ist und nicht mit einer willkürlichen Erscheinung. Grammatik ist also keine Ansammlung willkürlicher Regeln, wie viele Leute meinen.

Vermutungen in Bezug auf die Zukunft werden im Portugiesischen mit dem presente do indicativo ausgedrückt. Das ist im Deutschen definitiv nicht möglich. Im Deutschen kann in diesem Kontext nur ein Konjunktiv, von sollen oder müssen, gewählt werden.

dever zum Ausdruck einer Vermutung bzgl. der Zukunft
Ele estudou muito para seus examenes, então ele deve passar.
Er hat viel gelernt für seine Prüfungen, sollte also bestehen.
Eles partiram uma hora atrás, então devem chegar em meia hora.
Sie sind vor einer Stunde losgegangen, sollten also in einer halben Stunde dasein.


Ist ein Verhalten opportun, dann kann im Deutschen sollte oder müsste stehen, also der Konjunktiv. Der Indikativ würde auf eine Instanz verweisen, die dieses Verhalten fordert. Im Portugiesischen steht dann der condiconal. Der indicativo kann stehen, wenn sich aus dem Kontext ergibt, was eigentlich gemeint ist.

Opportunität eines Verhaltens
Eu deveria estudar mais.
Ich müsste / sollte mehr lernen.


Bei einem moralischen Gebot steht im Portugiesischen der condicional, im Deutschen der Konjunktiv von sollen (sollte). Der Konjunktiv von müssen würde eher eine hypothetische Situation beschreiben, bei der ein bestimmtes Verhalten erforderlich ist.

moralisches Gebot
Você deveria ajudá-lo a tomar decisões difíceis.
Du solltest ihm bei schwierigen Entscheidungen helfen.


Der Satz "Du müsstest ihm bei schwierigen Entscheidungen helfen", ist ein ganz anderer Kontext. Denkbar wäre ein solcher Satz, wenn aufgrund einer möglichen Änderung der äußeren Umstände jemand in eine Situation kommt, die seine geistigen Fähigkeiten übersteigt, so dass er dann auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Die Tabelle zeigt die Zusammenhänge nochmals schematisch. Didaktisch ist die schematische Darstellung allerdings sinnlos. In der Praxis lässt sich in 99,9 Prozent der Fälle die Bedeutung aus dem Konstext ermitteln.Dessen ungeachtet lohnt es sich aber, mal ein bisschen über die Zusammenhänge nachgedacht zu haben. Das sensibilisiert für die Praxis.

Verwendung von dever / ter que

Alternativlosigkeit aufgrund
- eines Naturgesetzes
- einer mit Macht ausgestatten Instanz
- einerLogik
- innere Notwendigkeit
Eine Instanz fordert ein bestimmtes Verhaltenmoralisch gebotenopportun zur Erreichung eines ZielesVermutung in Bezug auf die Zukunft
Portugiesischter quedever im indicativodever im condicionaldever im condiconaldever im presente do indicativo
Deutschmüssensollen im Indikativsollen im Konjunktiv IIsollen im Konjunktiv IIKonjunktiv II von müssen oder dürfen





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