9. Die Zeiten

So, ihr Meister der Gewürze, jetzt geht's rund, sprach der Spatz und flog in den Propeller. Längere Gespräche lassen sich kaum führen, wenn man nicht über Vergangenes erzählen kann. Wir brauchen also zumindest eine Vergangenheitszeit.

Da wir aber schon mal dabei sind, rollen wir das ganze Thema gründlich auf. Wer Spanisch spricht, bzw. Französisch oder Italienisch mit einem Lehrer älteren Semesters gelernt hat, der sich mehr an der klassischen französischen bzw. italienischen Literatur als am gesprochenen Französisch bzw. Italienisch orientiert hat, kennt die Unterschiede zwischen indefinido und pretérito perfecto bzw. passé simple und passé composé bzw. passato remoto und passato prossimo.

Dieser Personenkreis also Leute, die sich schon mit Spanisch, Französisch oder Italienisch beschäftigt haben, geht jetzt davon aus, dass der Unterschied zwischen dem portugiesischen perfeito simples und perfeito composto derselbe ist, wie in den anderen romanischen Sprachen. Das ist aber ein Irrtum. Unglaublich aber wahr. Der Tatbestant hat auch gestandenen Romanisten, also Leute die romanische Sprachen studiert haben, vom Hocker.

Insbesondere bestehen fundamentale Unterschiede zwischen dem spanischen pretérito perfecto und dem portugiesischen pretérito perfeito composto, eine Tatsache, die auch brasilianische / portugiesische Schüler, die in der Schule Spanisch, bzw. Spanisch sprechende Schüler, die Portugiesisch lernen, lernen auf Schleuderkurs bringt. Aber fangen wir mal von ganz vorne an.

Es kommt jetzt ein bisschen viel Theorie. Wer das nicht lesen will, der möge gleich zur Bildung der Zeiten springen. Die entscheidende Quintessenz dieses sehr langen Theorieteil, insofern es ganz pragmatisch um Portugiesisch geht, lässt sich kurz zusammenfassen.

Der pasado perfeito composto, also die Zeit, die zumindest formal dem Deutschen Perfekt entsprechen würde, weil sie mit dem Hilfsverb ter (haben) + Partizip Perfekt gebildet wird (Eu tenho feito => Ich habe gemacht), wird im Portugiesischen selten benutzt, auf jeden Fall WEIT seltener als im Spanischen.

Pragmatiker brauchen sich mit dieser Zeit also erstmal gar nicht tiefschürfend befassen. Der folgende Abschnitt ist aber nicht so pragmatisch. Der erste Teil beschreibt die Grammatikvermittlung an Penne, Uni etc. und warum das meistens schief geht. Der zweite Teil zeigt dann beispielhaft, dass ab und an nachdenken sinnvoll ist. Lange Wege sind manchmal kürzer. Aber wie gesagt, die Pragmatiker unter uns können auch weiterblättern und gleich zu 9.1 springen, bzw. gleich zur Bildung der Zeiten in 9.2.

Die Sprachvermittlung im öffentlich geförderten Bildungssystem auf allen Ebenen basiert auf der Darstellung eines Regelwerkes. Erst in neuerer Zeit wurde durch potente Marketingabteilungen bekannter Unternehmen, z.B. Rosetta Stone, die These vertreten, dass die Vermittlung von Regeln dem Spracherwerb geradezu abträglich sind und es ausreicht, diese Regeln eben nicht mehr zu vermitteln, damit alle mühelos eine Sprache erlernen können.

Hypostasiert wird, dass man ja auch die Muttersprache mühelos und ohne jede Grammatikkenntnissse erlernt hat. Da diese These marketingtechnisch äußerst erfolgreich ist, macht der Versuch, diese These zu widerlegen keinen Sinn. Das Versprechen, das sich hinter dem Slogan "Lernen Sie eine Fremdsprache wie Ihre Muttesprache" verbirgt, ist so groß, dass der Verstand aussetzt. Der Versuch, diese These zu hinterfragen ist ähnlich sinnvoll, wie einem Börsenspekulanten zu erklären, dass in einem Kasino nur Geld den Besitzer wechselt, aber keines verdient wird.

Tatsache ist, dass Kinder eine Sprache äußerst INEFFIZIENT lernen, der Zeitaufwand enorm ist. Kinder haben quasi 12 Stunden am Tag einen Lehrer, Oma, Opa, Tante, Mutter, Vater, Brüder etc. die sich ganz individuell auf sie einstellen. Bis sie eine Sprache beherrschen, hatten sie mindestens drei Jahre lang zwölf Stunden am Tage intensiven Einzelunterricht. Das macht 13000 Stunden.

Noch der unbegabteste, faulste und unkreativste Erwachsene kann in dieser Zeit bei dieser Betreuung jede Sprache lernen. Eigentlich gleich mehrere, wenn er in drei Jahren 13000 Stunden Zeit hat. Auf die Methode kommt es hierbei gar nicht mehr an.

Zum Vergleich: Bis zum Abitur erhalten Schüler etwa 2000 Stunden Englischunterricht, dieser basiert auf der Vermittlung grammatikalischer Strukturen, im Klassenverband, also kein Einzelunterricht, aber die meisten können dann fließender Englisch als ein vierjähriges Kind seine Muttersprache.

Auch das Argument mit den mehrsprachig aufwachsenden Kindern, die mühelos mehrere Sprachen lernen, sticht nicht wirklich. (Der Autor kennt tatsächlich Leute, die vollkommen zweisprachig sind, aber die Biographie ist dann spezieller. Ein zweisprachiges Elternhaus allein reicht nicht.) Erstens sind mehrsprachig aufwachsende Kinder selten wirklich mehrsprachig, bzw. die Mehrsprachigkeit geht irgendwann verloren, und zweitens erhalten sie dann ebenfalls sehr intensiven Unterricht.

Der Autor glaubt ebenfalls nicht wirklich, dass ein Fremdprachenunterricht der sich allein auf die Vermittlung grammatikalischer Strukturen mit anschließenden Kästchenübungen stützt, das Non Plus Ultra darstellt.

(Wobei der Witz dann der ist, dass die entsprechenden Programme, die vorgeben eine Sprache ohne Grammatik zu vermitteln, vor allem Kästchenübungen anbieten. Die Auflösung dieser Übungen, ein hübsches Beispiel hierfür ist so Unsinn wie Babbel, setzt zwar Grammatikkenntnisse voraus, aber die Innovation besteht dann darin, dass sich die Leute noch zusätzlich ein Buch kaufen müssen, wo dann die Grammatik erklärt wird.)

Allerdings glaubt er auch nicht, dass sich alle Probleme der Fremdsprachenvermittlung dadurch lösen lassen, dass man einfach auf die Grammatikvermittlung verzichtet. Das ist nur dann möglich, wenn der Steuerzahler das sponsert. Das wären bei 13000 Stunden und einem mageren Stundenlohn von 10 Euro 130 000 Euro pro Fremdsprache und pro Individuum. Unter dieser Last würde jede Volkswirtschaft zusammenbrechen und die Vermittlung von Fremdsprachen müsste eingestellt werden.

Den Schluss, den wir aus dem katastrophalen Ansehen der Grammatik ziehen müssen, ist folgender. In der Schule läuft, was die Vermittlung von Grammatik angeht, etwas fundamental falsch. Grammatik wird als vollkommen sinnlos angesehen und am Markt agierende Unternehmen wissen, dass ein Lehrwerk, das die Grammatikvermittlung in den Vordergrund stellt, schlicht unverkäuflich ist.

Grammatikvermittlung an der Penne suggeriert, dass grammatikalische Regeln zwar in sich schlüssig, deren Kenntnis es also erlaubt, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden, aber willkürlich sind. Die Engländer also das simple past wählen, wenn keine Verbindung mehr zur Gegenwart besteht, bzw. das present perfect, wenn eine solche besteht, oder eben das present perfect continuous, wenn es wesentlich darauf ankommt, dass die Handlung bis in die Gegewart und darüber hinaus andauert.

Das Spanische unterscheidet dann zwischen abgeschlossener Handlung in abgeschlossener Vergangenheit, einer Handlung, mit Bezug zur Gegenwart und einer andauernden Handlung in der Vergangenheit. Das Französische und das Italienische hat dann die Unterscheidung zwischen abgeschlossener Handlung in abgeschlossener Verganagenheit und einer Handlung mit Gegewartsbezug irgendwann im Verlaufe des 19. Jahrhunderts abgeschafft.

Diese Art der Grammatikvermittlung suggeriert, dass das Deutsche, Französische, Spanische, etc. willkürlich bewusste Entscheidungen getroffen haben und diese Entscheidungen nichts damit zu tun haben, wie das menschliche Gehirn prinzipiell die außersprachliche Wirklichkeit darstellen will und ein Deutsch Muttersprachler das Regelwerk der Fremdsprache auch nur abstrakt lernen kann, "nachvollziehbar" im Sinne von "fühlen" wie sich in der Fremdsprache eine falsche Verwendung der Zeiten anhört, kann er nicht.

Es wird also so getan, als ob jede Sprachcommunity die Regeln willkürlich festgelegt hat und grammatikalische Regeln nicht ganz prinzipiell durch die Art und Weise bedingt sind, wie das menschliche Gehirn die außersprachliche Wirklichkeit verbalisiert. Diese These ist blanker Unsinn, wie wir noch sehen werden.

Diese Art der Darstellung hat mehrere Nachteile.

1) Es ist schwierig, sich ein abstraktes, willkürliches Regelwerk zu merken.

2) Das implizite Wissen eines Muttersprachlers über seine Muttersprache ist gewaltig. Grammatikvermittlung müsste das Ziel haben, dieses implizite Wissen bewusst zu machen und für das Erlernen einer Fremdprache zu nutzen. Ein schlichtes auswendig lernen von Definitionen ist hierbei, wie wir gleich sehen werden, nicht hilfreich und meistens sind, wie wir gleich sehen werden, diese Definitionen auch noch falsch. Es lässt sich z.B. zeigen, dass das Deutsche, ganz im Gegensatz zu dem, was allgemein behauptet wird, die gleichen Unterscheidungen trifft, wie die romanischen Sprachen, allerdings nur in kritischen Situationen. Beschränkt sich die Grammatikvermittlung auf die Bildung, Imperfekt ich machte, du machtest..., Perfekt ich habe gemacht, du hast gemacht etc.. findet gar keine Reflexion mehr statt. Wir werden hier gleich konkreter und werden zeigen, dass die Struktur der Fremdsprache sehr leicht nachvollziehbar und sogar nachfühlbar sein kann, wenn man ein bisschen über die deutsche Grammatik nachdenkt. Man braucht hier kein abstraktes Regelwerk auswendig zu lernen. Man kann die Struktur der Fremdsprache leicht "erfühlen".

3) Möglicherweise würde ein eher kontrastiver Ansatz, bei dem nicht für die Muttersprache und jede Fremdsprache isoliert ein paar Regeln auswendig gelernt werden, ohne den Versuch zu starten, die Systeme zu vergleichen, manche Schüler abschrecken. Bei den derzeitigen Verhältnissen, bei der Grammatik als völlig sinnfreie Beschäftigung angesehen wird, kann allerdings nicht mehr viel schief gehen. Es könnte aber auch das Gegenteil passieren. Unter Umständen würde viele Schüler feststellen, dass ihr Wissen über die Muttersprache äußerst komplex und subtil ist, sie sehr genau wissen, dass ein Satz schief klingen kann, wenn die falsche Zeit verwendet wird, auch wenn nicht so richtig klar ist, warum das eigentlich der Fall ist. Das würden vielleicht viele sogar interessant finden. Wir kommen gleich darauf zurück.




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